Wenn dein Alltag dazwischenkommt

Mach es dir leichter, statt dich mehr zu zwingen

ca. 5 Minuten

Es ist kurz nach halb zehn. Der Tag ist durch, das Kind schläft, und ich sitze auf dem Sofa. Ich bin nicht hungrig, ich bin müde. Und ich kenne dieses leise „jetzt noch irgendwas" genau – dieses Gefühl, das nichts mit Hunger zu tun hat, sondern mit dem Wunsch, dass der Tag noch kurz nett zu mir ist.

Vor ein paar Jahren wäre ich jetzt aufgestanden und hätte den Eiskübel aus dem Gefrierfach geholt. Löffel rein, „nur ein bisschen", zurück aufs Sofa. Und wer schon mal eine offene Eispackung neben sich stehen hatte, weiß, wie das ausgeht. Es wird nie „ein bisschen". Danach kam das andere Programm: das Völlegefühl, der stille Vorwurf, das „warum mache ich das immer wieder".

Heute passiert an genau dieser Stelle etwas Unspektakuläres: Ich hole mir ein einzelnes Eis am Stiel aus dem Gefrierfach – oder einen Mini-Riegel aus dem Schrank. Denn im Gefrierfach liegt kein Kübel mehr, sondern einzelne Eis am Stiel, und im Schrank keine großen Tafeln, sondern Mini-Riegel. Nicht, weil ich abends so diszipliniert bin, sondern weil ich die Entscheidung längst getroffen habe: im Supermarkt, tagsüber, mit klarem Kopf.

Das ist der Punkt, an dem ich früher jahrelang falsch abgebogen bin. Ich dachte, ich brauche mehr Willenskraft für den Abend. Dabei ist Willenskraft ausgerechnet dann am kleinsten, wenn ich sie am meisten bräuchte: spät, müde, nach einem vollen Tag.

Ein System, das nur funktioniert, wenn du abends stark bist, ist kein System. Es ist eine Wette gegen dich selbst.

Statt „Wie zwinge ich mich abends?" habe ich angefangen zu fragen: „Wie mache ich mir die gute Entscheidung so leicht, dass ich gar nicht mehr kämpfen muss?" Ein einzelnes Eis ist eine Einheit, es hört von selbst auf – die offene Packung hört erst auf, wenn sie leer ist. Und beim Trinken war es dasselbe: Seit ich einen schönen, großen Becher habe, aus dem ich wirklich gern trinke, komme ich fast nebenbei auf meine drei Liter. Kein Vorsatz, nur eine niedrigere Hürde.

Ich musste nicht stärker werden. Ich musste nur aufhören, mir jeden Abend eine offene Packung neben das Sofa zu stellen. Das ist für mich ein System: nicht mehr Regeln, sondern Entscheidungen, die dort getroffen werden, wo sie leichtfallen.

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