Wenn dein Alltag dazwischenkommt
Kaffee und Kuchen bei den Eltern
Bei meinen Eltern gibt es immer Kaffee und Kuchen. Das ist keine Ausnahme, das ist das Programm. Man kommt an, der Tisch ist gedeckt, und es gehört einfach dazu. Früher war das für mich eine kleine Krise: entweder ich saß angespannt daneben und sagte nein und fühlte mich dabei wie eine Spielverderberin, oder ich griff zu und stempelte den ganzen Tag danach innerlich als verhauen ab.
Und ein „verhauener" Tag hörte selten bei dem einen Stück Kuchen auf. Er ging weiter mit „jetzt ist eh egal" und endete abends beim Rest, den ich sowieso nicht mehr aufschreiben wollte. Ein einziges Stück Kuchen konnte so den halben Tag mit sich reißen – nicht wegen der Kalorien im Kuchen, sondern wegen des Gedankens danach.
Letztes Mal gab es Zitronenkuchen, so einen leichten Biskuit. Ich habe kurz überschlagen: ungefähr 150 Kalorien. Ich habe zur Sicherheit 200 getrackt und einfach weitergemacht. Das war der ganze Vorgang. Kein Drama, keine Verhandlung, kein innerer Gerichtsprozess.
Die meisten Dinge sind gar nicht so schlimm, wie das schlechte Gewissen behauptet.
Wir überschätzen einzelne „Sünden" massiv und unterschätzen dafür, wie sehr das schlechte Gewissen selbst zum Problem wird. Ein Stück Kuchen ist ein kleiner Posten. Der Gedanke „jetzt ist der Tag eh im Eimer" ist der eigentliche Schaden – weil er aus einer Kleinigkeit eine Lawine macht.
Ein Stück Kuchen bei den Eltern ist kein Systembruch. Es ist ein normaler Posten in einem normalen Tag. Sobald ich es einordnen konnte, statt es zu dramatisieren, hat es seine Macht verloren. Ich sitze heute entspannt dabei, esse mein Stück, trinke meinen Kaffee – und der Tag läuft danach ganz normal weiter. Genau das wollte ich immer: dazugehören können, ohne dass es mich aus der Bahn wirft.