Wenn dein Alltag dazwischenkommt

„Ich hab ja Sport gemacht“

ca. 4 Minuten

In meiner Studienzeit wog ich um die 114 Kilo und ging drei Mal die Woche ins Fitnessstudio, jeweils eine bis anderthalb Stunden. Ich war dort keine, die sich hängen ließ – meine Leistung war richtig gut, ich habe ordentlich trainiert. Und auf der Waage tat sich trotzdem nichts. Über Monate. Ich habe das damals als zutiefst ungerecht empfunden und irgendwann geglaubt, mit meinem Körper stimme etwas grundsätzlich nicht.

Heute weiß ich, woran es lag. Nach jedem Training lief in meinem Kopf derselbe Satz: „Ich hab ja Sport gemacht, jetzt kann ich auch mehr essen." Und weil ich nie getrackt habe, war „mehr" ein Gefühl, keine Zahl. Ich habe die Kalorien, die ich mir mühsam abtrainiert hatte, danach beiläufig wieder draufgelegt – ein größerer Teller hier, ein Snack als Belohnung dort – und nichts davon bewusst mitbekommen.

Sport verbrennt weniger, als man denkt. Und der Kopf verrechnet großzügiger, als man glaubt.

Eine intensive Stunde Training klingt nach einem Freifahrtschein. In Wahrheit ist der tatsächliche Verbrauch oft schnell wieder ausgeglichen – durch eine einzige größere Portion, die man sich „verdient" hat. Genau in dieser Lücke zwischen gefühltem und echtem Verbrauch ist mein Fortschritt jahrelang verschwunden.

Das ist keine Absage an Bewegung. Ich trainiere heute mehr denn je und liebe es – wegen der Kraft, der Energie, des Gefühls, was mein Körper kann. Es ist eine Absage an die Idee, dass Training allein das Essen ausgleicht. Das tut es fast nie. Was mir gefehlt hat, war nicht mehr Anstrengung im Studio, sondern Ehrlichkeit darüber, was danach auf dem Teller landete.

Als ich anfing, das sichtbar zu machen, kippte das jahrelange Rätsel plötzlich in etwas Verständliches. Nicht mein Körper war kaputt. Meine Buchhaltung war es. Und eine falsche Buchhaltung kann man korrigieren – einen angeblich kaputten Körper nicht.

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